Mobile modulare Kirche im öffentlichen Raum

Kurz nach dem Frühjahrs-Lockdown 2020 hat die Evang.-Luth. Kirchengemeinde Brannenburg begonnen, bereits gelebte Elemente von "Kirche im Freien" zu einem Gesamtkonzept mit Modulen für alle Generationen zu verbinden und es wetterfest und damit verlässlich zu machen. Aus den Modulen lassen sich unterschiedlichste Angebote formen, um Kirche in die Fläche und die Öffentlichkeit zu tragen

Die einzelnen Module:

Wetterfest dank Riesenjurte: Damit wir draußen sind - aber wettersicher, bildet unsere Jurte (großes Rundzelt mit 8m Durchmesser) das Rückgrat unserer mobilen Kirche. Wir haben sie so umgebaut und zugerüstet, dass sie winterfest, schneelast- und windsicher ist und auch auf Festplätzen (ohne Erdnägel) aufgebaut werden kann. Gespendete Bierkisten einer örtlichen Brauerei werden mit einrastenden Holzplatten zu frei kombinierbaren Sitzmöglichkeiten umgebaut. In der Jurte kann ein gesichertes Feuer mit Rauchabzug brennen. Neben den traditionellen Gottesdiensten in den Kirchen an Heiligabend haben wir 2020 erstmals Heiligabendgottesdienste in der Jurte gefeiert. Die Besucher der Heiligabendgottesdienste konnten sich entscheiden, ob sie im Kirchgarten die Hirtenweihnacht oder im Kirchengebäude die Königsweihnacht mit Krippenspiel besuchen.

 Kinder- und Familienkirche: von Kindergottesdienst über Zirkuspädagogik bis Kunstprojekt. Seit nach dem Corona-Lockdown Kindergottesdienste wieder möglich sind, feiern wir diese im Freien und zwar als Familiengottesdienste zwischen Kirche und Straße:  mitten in einem Wohngebiet - dank Jurte wetterfest mit Feuer in der Mitte. Dank Jurte kann auch bei nassem und kühlem Wetter draußen gefeiert werden. Wir erreichen dadurch nicht nur mehr Öffentlichkeit, sondern auch mehr Flexibilität gegenüber dem Kirchenraum, der mit seiner starren Bestuhlung Bewegung, kreative Elemente oder kreisförmiges Sitzen stark behindert bzw. unmöglich macht. Bei Schönwetter werden die Jurtenwände einfach abgeknöpft, und Raum und Möglichkeiten erweitern sich nach außen.

Da die Jurte auch bezüglich der Raumhöhe flexibel ist, können unterschiedliche Raumstimmungen und -situationen geschaffen werden. So werden die unterschiedlichsten Veranstaltungs- und Verkündigungsformen möglich:

  • Gottesdienste mit Zaubertricks oder Zirkuselementen, bei denen alle in der ersten Reihe sitzen können. Man kann so auch Methoden verwenden und Dinge zeigen, die sonst nur mühsam und mit hohem Verlust an Authentizität über Tischkameras gezeigt werden können.
  • Themenbezogene Kreativprojekte, bei denen die Jurte zum wetterfesten Kreativ- und Verkündigungsraum wird. Vorteil: In der Jurte werden keine Böden mit Farbe ruiniert, es dürfen auch mal grobe Schnitzer passieren und Außenstehende können bei geöffneten Wänden zusehen.
  • Themenbezogene Musikprojekte, von der klassischen Chorarbeit, die dann auch in die Öffentlichkeit gerät, bis zu verkündigenden Kinderworkshops z.B. im Rahmen von Ferienprogrammen.

Unser Leben sei ein Fest: Kirche und "Gemeindehaus", wo wir keines haben: Unser Gemeindegebiet umfasst wie viele Kirchengemeinden in der Diaspora fünf Kommunen. Diese bestehen wiederum aus mehreren Einzeldörfern. Unser Problem: Unsere Kirchen stehen "nur" in zwei Orten: Raubling und Brannenburg. In Altenbeuern und Neubeuern können wir dank hervorragender ökumenischer Beziehungen die katholischen Kirchengebäude mitnutzen. Unsere Module der mobilen Kirche bieten nun die Möglichkeit, dass Gemeindefeste, Kinderferienprogramm und Gottesdienste nun auch dort stattfinden können, wo wir keine "baulich Basis" haben. Auch wenn in unseren Gemeindehäusern und Kirche gerade terminlich alles belegt ist: Kein Problem: Unser Kirchenzelt ist die mobile Erweiterung.

 Sogenannte "Standkonzertandächtchen": Nachdem lockdownbedingt keine Gottesdienste in Altenheimen stattfinden konnten, entwickelten wir eine kurzweilige Form aus Standkonzert und 2-minütigem geistlichen Impuls (eine Art Miniaturpredigt, deren Anspruch es ist, in der Kürze so gehaltvoll zu sein wie in längeren Formen. Ähnlich wie gemalte Miniaturen, die durch das kleine Format weder Motiv noch Detailreichtum einbüßen. Beispiele im Anhang.) Unterschiedlichste MusikerInnen und Musikstile von Jazz über barocke Flöte, Alphorn, Tanzmusik und jeweils ein Lied zum Mitsingen garantieren Kurzweiligkeit. Ein Psalm und der Segen beschließen die Veranstaltung, die die Bewohner der Heime und der Tagespflege von den Fenstern, Balkonen, Terrassen und bei zwei der Heimen versammelt im Hof mitfeiern. Indem es gelang, die katholische Schwestergemeinde mit in das Konzept zu integrieren, konnte sehr effektiv gearbeitet werden: Statt bisher monatlichen Andachten in einem Heim konnten nun beide Heime und die Tagespflege wöchentlich erreicht werden - nebst der Öffentlichkeit. Wichtig erscheint uns aber nicht in erster Linie die hohe Frequenz, sondern die (inhaltlich aber auch musikalisch und vom Unterhaltungsstandpunkt aus gesehen) hohe Qualität, und dass eine Personengruppe nahezu flächendeckend erreicht wird.

 Mit Pfeil und Bogen durch die Bibel: Jugendliche (Konfirmanden), Familien oder Urlaubsgäste, aber auch reine Erwachsenengruppen werden mit Pfeil und Bogen durch die Bibel geführt: Schöpfung, Sintflut, David und Jonathan, Königsgeschichten, Psalmen, Briefe und Offenbarung. Die Bibelgeschichten werden jeweils erzählt, kurz ausgelegt und mit einer dazugehörigen Übung im Bogenschießen kombiniert. Neben den biblischen Texten sind auch spirituelle Themen wie das Beten anhand des aktiven Bogenschießens leicht zu eröffnen und zu vertiefen. Man kann solche Veranstaltungen rein im Freien durchführen, ist dabei aber sehr wetterabhängig. Man kann sie auch in großen Gemeinderäumen, selbst im Kirchenraum sinnvoll durchführen, ist dort allerdings stark eingeengt und verliert die gerade für das Beten mit dem Bogen sehr fruchtbare Weite des Himmels. Die Jurte als trockener Ort, in der man im Kreis sitzen und aus der heraus man bei Schlechtwetter schießen kann - auch in den offenen Himmel hinein, kombiniert die Vorteile beider Örtlichkeiten.

Wir nehmen unsere Kirche mit, wohnen darin, und bringen mit ihr die große weite Welt nach Hause. Kirche vor Ort ist nicht Alles. Wir meinen, dass das Erleben der Weltkirche mit dazu gehört. Deshalb fahren wir einmal jährlich mit Jugendlichen (ab der Konfirmation) zu den Jugendtreffen nach Taizé, wo Jugendliche meist zum ersten Mal christliche Internationalität erleben und ein Gespür dafür gewinnen können, was Weltkirche bedeutet. Das Problem: Wie verbinden sich die Erfahrungen dort mit der Kirche vor Ort? Wir feiern im Winterhalbjahr monatlich in Zusammenarbeit mit der kath. Pfarrei ökumenische Taizégebete. Diese sind gut vorbereitet und auch musikalisch ansprechend. Aber dennoch entfalten sie nur wenig Anziehungskraft für Jugendliche. Wir meinen, es fehlt das Festivalfeeling, das die Jugendtreffen in Taize mit ausmacht. Indem wir mit derselben Jurte nach Taize fahren, in der die Jugendlichen dann wieder Bogenschießprojekte, Kreativprojekte, Gottesdienste und (als Jugendmitarbeitende) Ferienprogramm, Kindergottesdienste usw. erleben, hoffen wir, dass sich die Erfahrungen aus Taizé und die Erfahrungen von Offenheit, Spiritualität, Experimentierfreudigkeit und Gemeinschaftserleben in der Kirche vor Ort am Symbol der Jurte verbinden. Wir versuchen also, die gemachten Erfahrungen mit der Jurte mitzunehmen und zu importieren.

Mobile Musik: Statt digital mit Smartphone und Lautsprecher machen wir analoge Musik mobil und flexibel. Bisher haben wir drei Schwerpunkte:

  • Eine große Sammlung von Orphinstrumenten wie Xylophone, Metallophone, Glockenspiele, Klanghölzer usw.. Wir nehmen einfach alle "falschen" Töne raus, verteilen sie an die Gottesdienstbesuchen und los geht: Ohne Üben, zu zwei Dritteln wohlklingend, aber dafür mit umso mehr Spaß vor allem in Gottesdiensten mit Kindern. Gitarre mit Gesang, ein Akkordeon oder eine Trompete führen und bündeln die Klänge.
  • Alphörner: Weil man sie selten sieht und hört, verbunden mit ihrem imposanten Erscheinungsbild, ziehen sie zusätzlich zu den Menschen, die die Veranstaltung/den Gottesdienst geplant besuchen, teils bis zu 50% Menschen an, die nur zufällig vorbei kommen. Sie ermöglichen so im Rahmen von Freiluftgottesdiensten/-andachten Verkündigung an Menschen, die sonst nicht erreicht werden könnten. Dass dieser Effekt auch außerhalb der Gästeseelsorge auftritt, konnte Pfr. Krauß bei den oben genannten Standkonzertandächtchen belegen, so dass wir dies auch bei den weiteren Modulen der mobilen Kirche erwarten.  Außerdem sind die Hörner in Musikprojekten für Kinder und im Ferienprogramm einsetzbar. Geplant ist die Gründung eines kirchengemeindlichen Alphornchors
  • Eine Drehorgel: Nur rund 10kg schwer und mit den wichtigsten Kirchen-, Kinder- und Volksliedern sowie Zirkusmusik, Pop und Schlager ausgestattet, erlaubt die Drehorgel unkompliziert analoge Musik in Altenheimen, bei Festen, bei Kindergottesdiensten und in den oben erwähnten zirkuspädagogischen Projekten. Und das Beste dabei: Spielen kann nach kurzer Einweisung jeder.

Schulgottesdienste in der Öffentlichkeit: Schulgottesdienste in Aulen, Pausenhöfen oder Gemeindehallen neigen dazu, den gottesdienstlichen Charakter zu verlieren und zu Aufführungen diverser Klassen zu werden. Denn viele Lehrkräfte und SchülerInnen haben keine Erfahrung mehr, was Gottesdienst ist: Eine Feier vor Gott, in dem Gott - und weniger ein Publikum - der Gesprächspartner ist. Deshalb haben wir bisher auf Schulgottesdienste in Kirchenräumen gedrängt - im Bewußtsein, dass auch dies Nachteile hat. Angestoßen durch die coronabedingten Hygienebestimmungen können wir nun die mobile Kirche ins Konzept der Schulgottesdienste integrieren. Diese können nun flexibel und methodisch viel freier (siehe Kindergottesdienst oben!) unkompliziert direkt auf dem Schulgelände oder im Stadtpark stattfinden. Durch die Jurtenkirche bleibt motivisch der Kirchenraum- und Gottesdienstcharakter erhalten. Dennoch ist man bei geöffneten Jurtenwänden im Freien. Durch die direkte Nähe zur Schule können die Gottesdienste bei Schönwetter mit vielen Schülern stattfinden, da die Jurte nur das optisches Zentrum bildet, die tatsächliche Fläche, auf der Schüler sitzen können, beliebig erweiterbar ist. Bei Schlechtwetter kann ohne lange Gehzeiten zum nächsten größeren Kirchengebäude klassenweise unter dem Jurtendach gefeiert werden.

 Mobiles und flexibles Sitz-, Lager- und Möbelkonzept: 180 herkömmliche Bierkisten (Bierträger) verwenden wir als flexibles und mobiles Sitz-, Möbel- und Lagerkonzept: Als Hocker verwendet, kann man damit mit 7 Schulklassen gleichzeitig coronasicher im Freien Schulgottesdienst feiern. Denn die Träger können anders als Bierbänke als Einzelsitzgelegenheiten aufgestellt werden. Sie müssen bei zwischenzeitlichem Regen außerdem nicht abgewischt werden, weil der Gitterboden, der zur Sitzoberfläche wird, keine geschlossene Fläche bildet, auf sich das Wasser sammeln kann. Bei Schlechtwetter kann man sie einfach stehen lassen, bis Schönwetter ist, weil ja nichts kaputt gehen kann. Auch sonst lassen sie sich flexibel wie sonst nichts einsetzen:

  • Zwei Kisten übereinander im Inneren mit einem Gepäckgummi gesichert ergeben eine Sitzgelegenheit für Erwachsene.
  • Ein Block aus 3x4x3 gefüllten Kästen mit einer Schaltafel obendrauf ergibt eine mobile, schwere Werkbank für Kinder- und Jugendaktionen
  • Ein solcher Block ungefüllt ergibt einen Tisch/Theke usw. für Gemeindefeste und ähnliches.
  • Auch eine niedrige, wetterfeste Bühne für Krippenspiele lässt sich leicht bauen: Kästen flächig nebeneinander. Schalplatten obendrauf.

Als jeweilige Befestigungen wird nicht mehr gebraucht als eine Kiste voller Spanngurte. Die 180 Träger bilden, wenn sie nicht im Einsatz sind, eine mobile Lagermöglichkeit für das Material eines ganzen Gemeindefestes, einer Kinderfreizeit usw.: Die Wände dieser "Spontangarage" werden aus den Kisten gebaut, die man wie Legosteine übereinander setzten kann. Vier dünne Balken werden zu Dachträgern. Und die schon erwähnten Schaltafeln werden zum Dach. Eine Folie zur Regenabdichtung: Fertig.

Zum Schluss: Uns scheint wichtig, dass das Konzept der modularen, mobilen Kirche im öffentlichen Raum nicht als Ersatz für etwas Anderes (evtl. nicht mehr Finanzierbares) kommuniziert wird, sondern als beglückende Bereicherung dort, wo (bisher) nichts erwartet wird. Sie soll keinen reduzierenden, sondern ermöglichenden Charakter haben. Wir glauben, dass über beglückende Erfahrungen mit der modularen, mobilen Kirche im öffentlichen Raum Formen kirchlichen Lebens erprobt und eingeführt werden können, die dann auch in finanziell, gesellschaftlich und räumlich schwierigen Situationen tragen können, weil sie nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit wahrgenommen werden.